Das Mohrle

von Vera Weinreich

 

Jeder Katzenbesitzer denkt natürlich, dass seine Katze etwas ganz besonderes und einmaliges ist. Und wahrscheinlich haben alle Dosenöffner damit Recht. Ich durfte für etwas mehr als ein Jahr eine ganz besondere Katze mein Eigen nennen: Mohrle – drei Kilo zähen Willens zum Überleben.

Als ich sie zum ersten Mal sah, habe ich mich fast geekelt: 1,8 kg Lebendgewicht, struppiges, seltsam verfärbtes Fell, jeder Rückenwirbel war zu sehen, streichholzdünne Beinchen, Rattenschwanz, keine Zähne, Zunge auf Halbmast, sabbernd und rasselnd atmend.

Meine Güte, das sollte eine Katze sein?!

FIV positiv und akute Calicivirose. Dass sie noch lebte, war schon ein Wunder. Dass sie mit diesem kaputten Mäulchen überhaupt noch gefressen hat, unglaublich!

„Kannst sie ruhig streicheln“ meinte meine Nichte, die sie als Pflegie genommen hatte. Das wollte ich eigentlich nicht so unbedingt!

Etwas zögernd streckte ich meine Hand aus und durch das laute Rasseln ertönte sofort ein noch lauteres Schnurren. Das schwarze Etwas erhob sich, tretelte mit einem Beinchen in der Luft herum und schwankte dabei bedenklich hin und her.

Sie fühlte sich wohl – ich nicht!

Ende August dann ein Anruf von besagter Nichte Verena. „Du, weißt Du nicht jemanden, der Blacky (so hieß Mohrle zu dem Zeitpunkt noch) ein paar Wochen in Pflege nimmt, bis wir einen Platz für sie haben?“ Tolle Idee, wer nimmt denn so einen Schrupp?!? Nach längerem Hin und Her: „OK, bring sie zu mir, ich hab ja ein Zimmer frei, da kann sie wohnen....“

Akute Panik bei meiner Schwester Jutta, die ebenfalls im Haus wohnt und zwei Katzen hat, die überall im Haus herum laufen dürfen: „Die Katze hat FIV und ist ansteckend!“

„Sie wohnt in meinem alten Schlafzimmer und kommt mit den Jungs nicht zusammen, also ganz ruhig.“

An einem Samstag zog dann „der Schrupp“ mit Sack und Pack bei mir ein. Erstmal versteckte sie sich in einem großen Karton, den ich für die Jungs zurechtgeschnitten hatte – mit Fenstern zum Reinspringen. Aber sie taute sehr schnell auf und kam mir entgegen, sobald ich die Tür öffnete. Sie liebte es einfach, gestreichelt zu werden, warf sich auf den Teppich und machte vor Begeisterung fast einen Kopfstand.

Die ersten zwei Wochen waren gekennzeichnet durch sehr große Unsicherheit auf meiner Seite, schließlich war das Tierchen sehr krank, und Eiterflatschen verteilen sowie Erbrechen auf Mohrles Seite – Jutta und ich waren der Meinung, dass Blacky nicht der richtige Name war - Anrufe beim Tierarzt, Verabreichung von Tropfen gegen ihre Übelkeit und der Erkenntnis, dass es besser war, sie ale zwei Stunden mit kleinsten Portionen zu füttern, wobei meine Schwester ihre Panik ob der Ansteckungsgefahr überwand und mich tatkräftig unterstütze während meiner Arbeitszeit. Als mein einwöchiger Nordseeurlaub anstand, einigten wir uns mit Tierarzt Ingo auf eine stationäre Behandlung, da das Mohrle wegen eines Rückfalls jeden Tag Injektionen brauchte. Auch das hat sie weggesteckt wie nichts.

Nach meinem Urlaub brachten Verena und ihr Freund Sven sie wieder zu mir und sie begrüßte mich mit wildem Schmusen, Schnurren und Treteln, dabei war sie doch nur kurz bei mir gewesen, aber anscheinend war ich da schon, ohne es zu wissen, ihr Eigentum. Irgendwann im Oktober kam dann der Tag, an dem ich Verena sagte, dass ich das Mohrle gern behalten möchte, was dann doch ein gewisses Erstaunen auslöste, schließlich hatte ich mich ja doch anfangs vor Mohrle etwas geekelt: „Das musst Du nicht, wir haben auch gesunde Tiere in der Vermittlung!“ Nein, das Mohrle musste es sein, um nichts in der Welt hätte ich sie wieder hergegeben. Sie hatte sich schmusend und schnurrend in mein Leben gemogelt, oder, wie Verena es so treffend formulierte: Ihr habt Euch gesucht und gefunden!

Tja, nun war ich stolze Dosenöffnerin einer sehr kranken Katze, die, nachdem wir meine Etage mit Netz und Schiebetür aus- und einbruchssicher gemacht hatten, ihr neues Reich eroberte und ihren sabbernden Eiter in meiner ganzen Wohnung verteilte. Es gibt ja Wasser und Putzmittel!

Ob ich diese Entscheidung bereut habe? Nie!!!

Wir waren Dauergast in der Tierarztpraxis, manchmal jeden Tag in der Woche, aber sie hat es nie übel genommen und nie aufgegeben. Ihre damalige Hässlichkeit machte sie durch ihr liebenswertes Wesen und ihre Verschmustheit hundertmal wieder wett. Wenn ich von der Arbeit kam, wartete sie schon auf mich an der Treppe, kaum saß ich abends in meinem Ohrensessel, sprang sie auf meinen Schoß und rollte sich zusammen. Legte ich mich für ein Stündchen aufs Sofa, war sie sofort da – lag in meinem Arm oder auf meinem Rücken. Meistens schliefen wir dann ein, wobei Madame lauthals schnarchte. Als sie sich dann irgendwann dazu herabließ, mit Schnur, Federstöckchen oder sonstigem zu spielen, hätte man denken können, sie wäre eine ganz junge Katze. Sie tobte, sprang, hüpfte und rannte wie eine Wilde, dabei war sie schon sieben Jahre oder noch älter. Ein richtiges kleines Energiebündel.

Und absolut verfressen. Sobald ich die Kühlschranktür öffnete, stand sie da und guckte um die Ecke. „Gibt’s was für mich?“ Im Butterbrot-aus-der-Hand-schlagen war sie Meisterin. Fünf Jahre auf den Strassen von Teneriffa hinterlassen eben Spuren. Als der Tag kam, an dem mir eine Dame in der Tierarztpraxis sagte: „Das ist aber eine schöne Katze“, da war ich total stolz. Nicht auf mich, obwohl ich laut Tierarzt Ingo klasse Arbeitgeleistet hatte, sondern auf meine Mohrle, die mittlerweile drei Kilo wog, Muskeln angesetzt hatte und deren Fell wieder schön glänzte. Stolz, eine solche Katze zu haben, die so um ihr kleines Leben gekämpft hat. Medikamente, gut und schön, aber wenn das Tier nicht mehr will, helfen Medikamente bestimmt nicht!

Mein kleines Möhrchen, Du wolltest leben!

Du wolltest eine Entschädigung für jahrelanges Streunerdasein.

Weißt Du noch, der blutige Durchfall? Ab zu Tierarzt Ingo mit Dir und Kotprobe untersuchen. Ingo pflückte es auseinander – es war Darmschleimhaut mit drin! Bedenklicher Gesichtsausdruck... Darmschleimhaut... Katzenseuche?

Oh Gott, nicht das! Schnelltest .... negativ! Was konnte es dann sein? „Ist sie entwurmt?“ – „Ich glaube noch nicht.“ – „Sieht aus wie ein Hakenwurm.“

Das fehlte noch, also ein Wurmmittel. Auch das hast Du überstanden. Auch die Impfung gegen Katzenseuche und Katzenschnupfen, nun endlich möglich, hast Du weggesteckt wie nichts.

Dann kam die Sache mit dem Blut im Urin, Blasenentzündung? Okay, Antibiotika. Keine Besserung. Röntgen, Blasenpunktion, Blutuntersuchung. Keine Besserung. Also nach Bochum zum Ultraschall. Dein Bauch wurde rasiert, Du musstest auf dem Rücken liegen und Du warst so brav... Und es war etwas in Deiner Blase. Anruf bei Ingo: OP, so schnell wie möglich. Jutta und ich haben Dich hingebracht. Banges Warten, anschließend Wut bei Ingo: „Dummes Blutgerinnsel, jetzt hab ich sie ganz umsonst aufgeschnitten das wäre von selbst rausgekommen!“ Ingo, das konnte keiner wissen!

Und es ging weiter, eine zeitlang hörte das Bluten auf, dann war es wieder da. Du hast in Deiner Not dann wer weiß wo hingepieselt. Ich hatte alles mit Tüchern abgedeckt. Wieder nach Bochum zum Ultraschall – und wieder war ein Gewächs in der Blase, aber an einer anderen Stelle. Ingo widerstrebte es, Dich schon wieder aufzuschneiden. Also haben wir abgewartet und sind dann noch mal zum Ultraschall gefahren. Und da war nichts mehr. Nichts! Aber das Bluten hörte nicht auf. Irgendwann hatten Ingo und seine Frau Nadine noch eine Idee mit einem Medikament und das wirkte endlich. Endlich! Das Geblute hörte auf.

Meine Güte, was hast Du mir Sorgen bereitet. Aber ich möchte keine einzige Minute mit Dir missen.

Meine liebe, kleine, kuschelige Mü, ich hoffe, ich habe alles richtig gemacht und Du vergibst mir meine ganzen Fehler. Falls ich Dich manchmal vernachlässigt habe, tut es mir sehr Leid. Als ich die Minnie geholt haben, weil ich der Meinung war, dass Du Gesellschaft brauchst, habe ich wirklich gedacht, ich tue Dir einen Gefallen. Du hast sie geduldet, aber Du warst sehr eifersüchtig – obwohl Du für mich immer an erster Stelle kamst. Naja, irgendwann hast Du die Minnie akzeptiert, aber Dein Platz auf meinem Schoß oder auf dem Sofa war für sie tabu.

Du hast auch ganz schnell gelernt, wie man eine Schiebetür öffnet, so dass wir eine Sperre einbauen mussten, damit Du die Jungs nicht ärgerst. Sami hatte einen gewaltigen Respekt vor Dir, obwohl er doppelt so groß und schwer ist.

Samstags gingst Du mit zu meiner Mutti (die in Parterre wohnt) zum Frühstück. Da bist Du auch nie leer ausgegangen. Als Du im September dann krank wurdest, nachdem wir eigentlich alle gedacht hatten, jetzt kannst Du Dein Leben so richtig genießen (Mäulchen wurde immer besser, keine Blutungen mehr seit Juni), hatte ich eigentlich keine bösen Ahnungen, dass es was Schlimmes sein könnte. Fressen war bei Dir mal gierig, mal lustlos, je nach Tagesform, Erbrechen kam auch schon mal vor, also...

Aber Du wirktest ziemlich lustlos und am Mittwochmorgen konnte ich Dich nicht finden, normalerweise kamst Du mir morgens entgegen, aber an dem Tag hattest Du Dich unter dem Sofa versteckt und das war absolut nicht normal. Als ich Dich hervorgelockt hatte, habe ich Dich vorsichtshalber mal zu Ingo gebracht, er meinte, eine Blutuntersuchung könnte nicht schaden.

Am Donnerstag, den 13 September kam der Anruf: Mohrle hat Nierenversagen, sofort herbringen!

Wir haben Dich dann an den Tropf gehängt und Du musstest natürlich dort bleiben. Es ging Dir sehr schlecht. Als ich Freitag zu Besuch kam, ging es Dir schon besser und nachmittags gast Du Dich dann ganz normal verhalten – will heißen: Du hast geschmust und geschnurrt wie eine Weltmeisterin. Du hattest viel Besuch: Jutta und Rainer, Verena und Sven und dann kamen noch Beate und Andreas, die Dich von Teneriffa gerettet hatten. Sie waren auf dem Weg zum Nordseeurlaub und haben eine Zwischenstation eingelegt.

Am Samstag dann hast Du wieder angefangen zu fressen und Ingo meinte, Du solltest übers Wochenende nach Hause. Abends haben Jutta und ich Dich dann abgeholt. Dein Bauch sah aus wie ein mit Wasser gefüllter Ballon von der ganzen Flüssigkeit, mit der Ingo Dich durchgespült hatte. Du hast Dich vor die Heizung gelegt und warst einfach nur froh, wieder zu Hause zu sein. Am anderen Morgen kamst Du mir wie immer entgegen, aber fressen wolltest Du nicht. Ich bin dann nach unten zum Frühstück gegangen und Du kamst langsam hinterher, hast wie immer zwischen uns gesessen und seltsame Töne von Dir gegeben, nach dem Motto: Ich bin hier, lasst mal was runterfallen. Na, eine Scheibe Roastbeef hast Du dann genommen. Mittags mussten wir dann zu Ingo, damit Du Deine Injektionen kriegst. Auch das hast Du klaglos über Dich ergehen lassen. Ansonsten hast Du den ganzen Tag vor oder auf der Heizung gelegen und ich hab Dich immer nur gestreichelt. Heute glaube ich, dass Du Dich an dem Tag schon still von allem verabschiedet hast.

Montags brachte Jutta Dir Tartar mit, was eigentlich Dein absolutes Lieblingsessen war. Du hast nur etwas aus der Hand genommen und vor Dich gelegt. Dann bist Du wieder auf die Heizung gesprungen.

Ich habe es dann noch mal mit dem Tartar versucht, Dir gut zugeredet und Du hast gefressen, Stückchen für Stückchen in ganz kleinen Häppchen mit vielen Pausen dazwischen. Es kam mir vor, als wolltest Du mir einen Gefallen tun.

Um kurz vor 12 Uhr habe ich Dich in die Transportbox gepackt, um Dich wieder zu Ingo zu bringen. Deinen Gesichtsausdruck werde ich nie vergessen. Wir standen dann noch eine Weile auf dem Parkplatz und ich habe Dir tröstende Worte gesagt.

Als Nadine den Zugang in Dein Beinchen legte, hast Du laut miaut. Anschließend habe ich Dich auf den Arm genommen und Du hast Deinen Kopf unter meinem Arm versteckt. Ich wollte Dich eigentlich gar nicht loslassen, aber Du musstest ja in Deine Box. Ich habe Dich hineingesetzt, Dich gepuschelt und Dir gesagt, dass ich nachmittags wiederkomme. Wenn ich gewusst hätte, dass ich Dich nicht lebend wiedersehe...

Nachmittags um kurz vor 16 Uhr hat Ingo Dir über die Regenbogenbrücke geholfen. Mein liebes kleines Mäuschen, es tut mir so Leid, dass ich nicht bei Dir war. Das werde ich mir nie verzeihen. Aber Ingo sagte, dass er nicht hätte warten können – sogar fünf Minuten wären zu lang gewesen für Dich.

Du bist wohl total zusammengebrochen. Wir haben Dich dann abgeholt und neben der Terrasse begraben.

Mein Möhrchen, wir hatten etwas mehr als ein Jahr zusammen, ich hoffe Du warst in diesem Jahr glücklich. Ich musste oft Dir zum Tierarzt, aber Du hast das alles klaglos weggesteckt. Du hast mir viele Sorgen aber auch viel Freude bereitet und um nichts in der Welt würde ich auf dieses Jahr verzichten wollen. Ich wurde schon gefragt: Wenn Du gewusst hättest, was da auf Dich zukommt, würdest Du das dann trotzdem gemacht haben? – Ja, würde ich! Es war einfach unglaublich zu sehen wie aus diesem hässlichen, schwarzen Etwas eine schöne, glänzende, fröhliche, lebensfrohe Katze wurde. Es hat sich gelohnt!

Mein Mohrle, Du fehlst mir, ich werde Dich nie vergessen. Dein lautes Schnurren, Deine ungestüme, fordernde Art beim Schmusen, das Krallenwetzen am Teppich, das wilde Treteln, die lustigen Töne, die Du von Dir gegeben hast... Ich könnte noch so viel erzählen. Ich vermisse Dich! Du hast so viel zurückgegeben. Ich hätte Dir noch ein paar wunderschöne Jahre gegönnt. Aber Deine Kraft war wohl aufgebraucht.

Meine süße, kleine Mü, mach es gut und DANKE, dass ich ein Teil Deines Lebens sein dürfte! Schlaf gut im Regenbogenland. Du wirst für immer ein Teil meines Lebens sein.

 

 

Mohrle17-09-07-2